Sri Lanka ohne Ayurveda, hatten sie ihm gesagt, das sei wie Frankreich ohne Rotwein.

Und in die Teeanbaugebiete werde er noch früh genug kommen.

So findet sich der Patient im Halbdunkel einer schwülen Kammer wieder, in Bauchlage ausgestreckt auf einer Massage-Pritsche. Draußen liegt im weichen Abendlicht der Kandalama-Stausee, ein Tropfen mitten im trockenen Zentrum der sonst tropengrünen Insel. Bizarre, abgestorbene Bäume ragen aus dem Wasser, am Ufer waschen dunkelhäutige Frauen in bunten Saris ihre Kinder.

Teatime

60 lange Minuten werden es, von denen die ein oder andere mit der Erinnerung an die scharfen, in Öl gelegten Trockenfische vergeht, die an den Curry-Buffets in Tonschalen schwimmen. Anur erzählt, er habe sich eigentlich als Kellner im Hotel vorgestellt, hätte dann aber nur diesen Masseur-Job bekommen. Am liebsten würde er ohnehin was mit Computern arbeiten.

Von der Frage, ob er sich denn mit Tee auskenne, mal die Plantagen im südlichen Hochland gesehen habe, versteht er nur „tea“ und sagt: „Yes, yes, herbal tea!“ „Nein, Schwarztee.“ „No, herbal tea – it is the best.“ – Sprach es und servierte nach der Massage einen Ayurveda-Kräutertee, der so schmeckt, wie das Öl riecht.

Es wird Zeit, nach Süden zu fahren. Hinauf in „die Stadt in den Wolken“, wie sie die Einheimischen nennen, nach Nuwara Eliya. Auf 1900 Metern über dem Meer soll den Reisenden dort ein Stück „schottisches Hochland“ mit einem Schuss „Lake District“ erwarten – so steht es zumindest in den euphorischen Reiseberichten, die die britischen Kolonialisten über die Gegend verfasst haben. Nur die großflächigen Teeplantagen, für die beinahe der gesamte subtropische Hochwald abgeholzt wurde, sollen der Gegend heute einen Hauch von Tropen geben und den Briten einen ihrer besten Hochland-Tees.

Exotischer Jagatee

Doch es ist ein langer Weg dorthin. Er führt auf ziegelroten Lehmstraßen durch die Provinz Matale, die fruchtbarste in Sri Lanka. Grün leuchtende Reisfelder, finstere Kautschukplantagen, endlose Palmenhaine. Dazwischen immer wieder kleine in den Dschungel hinein gewachsene Städte, von denen man nur ein paar Hütten und Fruchtstände am Wegrand zu sehen bekommt.

Nirgends sonst auf der Insel wird zudem so viel Pfeffer, Chili, Ingwer, Nelken oder Kardamom angebaut wie hier. Sri Lanka ohne Gewürzgarten, heißt es, sei nun wirklich eine Schande. Der eloquente Führer erklärt in flinkem Deutsch Anbau, Ernte und medizinische Wirkung seiner Kräuter und Gewürze. Er holt einen Stapel Briefe begeisterter Kunden aus Deutschland hervor: Eine Dame aus Heilbronn bedankt sich dafür, dass sie durch die im Urlaub erworbene Kräutertee-Kur zehn Kilo abgenommen habe – und bestellt gleich eine weitere 45- Tage-Packung. Kräutertee. Immer nur Kräutertee. In kleinen weißen Tassen wird endlich etwas gereicht, das aussieht wie Schwarztee. Es schmeckt parfümiert und scharf. „Eine Mischung aus Ingwer, Zimt, Kardamom und Koriander“, sagt der Führer, das sei gut gegen Erkältungen und mit einem erwartungsvollen Lächeln fügt er an: „Ist wie Jagatee bei euch beim Skifahren.“ Weiter, der Berg ruft.

Hang zum Tee

Kandy liegt schon irgendwo hinten. Der Kleinbus schraubt sich die kurvenreiche Straße auf die Hochebene von Nuwara Eliya hinauf. Am Straßenrand putzt sich ein alter buddhistischer Mönch in oranger Kutte demonstrativ die ihm verbliebenen Zähne. Unten, in Kandy, am Fuß des Hochplateaus, steht der heilige Zahntempel. In der Abenddämmerung, wenn Tausende von rabengroßen Flughunden über der Stadt kreisen, strömt ein Wurm von Pilgern in das Gebäude, um einen Blick auf den silbernen Reliquienbehälter zu erhaschen, in dem sich der linke obere Eckzahn von Gautama Buddha befinden soll.
Nahe Kandy, auf der Loolecondera-Farm, hat aber auch um 1850 der junge Schotte James Taylor begonnen, Teepflanzen aus Indien zu ziehen. Und als dann, von 1867 an, der Kaffeerost, eine Pilzkrankheit, und die Kaffeeratte, ein gefräßiger Schädling, binnen weniger Jahre die gesamten Kaffeepflanzungen – immerhin damals die größten nach Brasilien – vollkommen zerstörte, machten es viele Plantagenbesitzer dem Schotten nach und begannen, Teesträucher zu pflanzen. Die gediehen im subtropischen Klima der Insel ganz hervorragend.

Und da sind sie. Endlich. Flankiert von Resten der Hochlandregenwälder schmiegen sich die Teefelder an die zum Teil sehr steilen Hänge. Aus der Entfernung sehen die dicht gepflanzten Sträucher aus wie Moosteppiche, je nach Sonneneinfall in unterschiedlichsten Grüntönen leuchtend. Zehn Prozent allen Schwarztees weltweit kommen von der Insel.

Sri Lanka Teeanbaugebiet

„Pulli, pulli, pulli!“

Nuwara Eliya. „Little England“ wird die heute 40.000 Einwohner zählende Stadt wegen der vielen Villen im viktorianischen Stil, ihrer Pferderennbahn, dem Golfplatz und der kühlen Temperaturen auch genannt. Samuel Baker, der Entdecker der Nilquellen, hat hier Mitte des 19.Jahrhunderts acht Jahre verbracht, Wald gerodet, Gemüse an- und Häuser aufgebaut, Sambur- Hirsche, Leoparden und Lippenbären erlegt. Heute verstauben ihre Trophäen in anachronistisch anmutenden Kolonialhotels. Die Stadt ist eingebettet in Teeplantagen, die bis auf 2000 Meter reichen. Darüber ist strenges Naturschutzgebiet. Die tamilischen Frauen stapfen in Sandalen und mit großen Körben die Pfade zu den erntebereiten Feldern hinauf. Es ist noch kalt von der regnerischen Nacht, die Sonne kann sich nicht recht entscheiden herauszukommen. Ihre grellbunten Kleider haben die Frauen bis zur Hüfte mit starken Plastikplanen umwickelt, damit sie sich an den harten Teesträuchern nicht die Haut aufscheuern. Die meisten kauen Betelnüsse, vermischt mit Kautabak. Das hebt Körpertemperatur und Stimmung, vertreibt den Hunger und ist ein billiges Suchtmittel. Unten, zwischen den Teesträuchern, spielen ein paar Kinder auf einem Fleckchen Wiese Cricket, den Nationalsport.

Der Kankaani, der Vorarbeiter, notiert in ein kleines Heft mit äußerster Konzentration Nummern, Namen und Verspätung der in kleinen Gruppen nacheinander eintreffenden, schwätzenden und kichernden Frauen. Dann bedeutet er ihnen, welche Blätter sie heute pflücken sollen. Je nach Erntezeit werden nur die hellgrünen Blättchen an der Spitze oder auch die etwas größeren darunter genommen. Je kleiner und heller, desto feiner und schwärzer der Tee, der daraus wird. „Pulli, pulli, pulli…“ ruft der schmächtige Mann den Frauen zu, was in der Tamilen-Sprache wohl so etwas wie „Husch, Husch, Husch“ bedeuten muss. Die Frauen lachen jedenfalls und pflücken etwas schneller. Zwischen 15 und 35 Kilogramm sind es täglich pro Kopf. 120 Rupien beträgt der Lohn, das ist 1 Euro 30 Cent, sogar für Sri Lanka sehr wenig.

Der nette Onkel Dittmeyer

Die aus Südindien stammenden Tamilen, die hier in der Teeregion 65 Prozent der Bevölkerung ausmachen, wurden Ende des 19.Jahrhunderts von den britischen Kolonialherren auf die Insel gelockt, weil sie willfährigere Plantagenarbeiter waren als die einheimischen Singhalesen. Das ist bis heute so geblieben. Und auch wenn die Plantagenbesitzer ihnen kleine Häuser, Krankenstationen und Schulen zur Verfügung stellen, gehören sie noch immer zu den Allerärmsten. Während die Frauen die Teeblätter pflücken, legen die Männer neue Felder an, stutzen die Sträucher und bringen die Ernte in großen Körben in die nahe gelegene Teefabrik. Dort entsteht täglich in einem zwölfstündigen Verarbeitungsprozess aus den saftigen Blättern trockener, schwarzer Ceylon-Tee. Wie das geht, bekommen Fremde in den nach flüchtigen Gerbsäuren und frisch gebrühtem Tee duftenden Fabriken demonstriert. Vom Trocknen über die schonende Zerkleinerung in so genannten Rollmaschinen bis hin zur Fermentierung. Am Ende bleiben, nach Schwarz- und Braunanteilen, sowie nach Größe sortiert, sieben verschiedene Qualitäten zurück, die später auf der Teebörse in Colombo versteigert werden.

Oder sie landen in Herrn Fernandos High-Tech-Fabrik in Colombo. Wenn der ältere Herr auf Werbefotos in Krawatte und mit umgebundener Schürze über Teetassen posiert, sieht er ein bisschen aus wie der nette Onkel Dittmeyer. Er ist der größte einheimische Teeproduzent. Für ihn und seine beiden Söhne arbeiten 37.000 Teepflückerinnen auf der ganzen Insel. „Wenn die großen Teekonzerne nicht derart den Preis drücken würden“, sagt er, „könnten wir auch die Teearbeiterinnen besser bezahlen.“ Deswegen verarbeitet er jährlich 12.000 Tonnen Tee selbst, füllt ihn in Teebeutel und Metallbüchsen und verkauft das in die ganze Welt.

Sein Sohn Dilhan hat eine Mission. Er steht neben zwei Tee-Experten, die, wie Sommeliers, schwarzen Tee über Gaumen und Zunge rollen lassen, um ihn dann in einem braunen Strahl in Metallbehälter zu spucken, und sagt: „Tee ist für viele Menschen gleich Tee. Aber jeder kann und soll den idealen Tee für seinen persönlichen Geschmack finden. Ganz ähnlich wie bei Wein.“ Deswegen lässt er neuerdings folgendes auf die Verpackung seiner Teebeutel drucken: „Udawatte-Hochland: Wächst auf 4000-5000 Fuß, die kühle Luft bewirkt Wunder: Voller Körper, abgerundet und erfrischend, ergibt einen Glanz von cremiger Fülle und intensives Aroma. Ähnlich wie ein Pinot Noir!“

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