Brücken jenseits der Moldau: Prag 1 und Prag 9 verbindet die Begeisterung für den Ball im Tor.

Der Ort ist laut und staubig, selbst der Taxifahrer hätte ihn beinahe nicht gefunden. Hier aber muss es stehen, Prags jüngstes Wahrzeichen – in der Nachbarschaft von Fabrikschloten, eines Güterbahnhofs und eines Autohändlers, der Volkswagen verkauft und Mercedes.
Hier, in Praha 9, die Zahl ist recht gewählt, weil sie einen Eindruck gibt von der Entfernung zu Praha 1, dem anmutigen Prag der Touristen. Durch Praha 9 fließt die Moldau nicht und auch das neue Wahrzeichen passt, endlich in Sichtweite, nicht zu den älteren Reichtümern der Stadt: Die silberne Sazka-Arena erscheint von Weitem wie ein riesenhaftes Ufo, ihre feinen Glieder aus Stahl und Glas offenbart sie erst aus der Nähe.

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Kirchen aus Sand

Seine Erbauer reizt am neuen Wahrzeichen aber ohnehin weniger das Ambiente als vielmehr der Vergleich mit Europa: Die Sazka-Arena, die sich über Nacht von einem Eisstadion für 17 000 Menschen in eine Oper verwandeln lassen kann, gilt als modernste Sporthalle des Kontinents. Sie ist zugleich ein Monument für den Nationalsport der Tschechen.

In ihrem Innersten ist Prag längst eine westliche Metropole. Aber Gegenden wie Praha 9 haben wenig von ihrem Glanz. Von der tausendjährigen Geschichte, die Besucher durch den Hradschin, durch seine Kapellen und Museen begleitet. Vom täglich um zehn Uhr morgens einsetzenden Treiben auf der Karlsbrücke oder von den Sandstein-Kirchen und renovierten Straßenzügen, die Prag zu einer beliebten Filmkulisse machen. Selbst die Luxus-Hotels, die der tschechischen Hauptstadt den Ruf eingetragen haben, das teuerste Touristenziel jenseits des einstigen Stacheldrahts zu sein, sind außerhalb des Zentrums dünner gestreut.

Den falschen Owen für zehn Euro

Trotzdem profitieren auch diese Bezirke vom Wiederaufstieg Prags zur Hauptstadt Ostmitteleuropas. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Sport, der die Bewohner von Praha 9 und die Besucher von Praha 1 verbindet, stärker als die EU-Erweiterung oder all die anderen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die Prag seit der Wende 1989 mitgemacht hat. Denn die Sportbegeisterung der Prager – die historisch zurückreicht bis in das Jahr 1862, als hier die ersten Turnhallen gebaut wurden – ermöglicht es, auch Grenzen zu überwinden, die der soziale Status setzt: So gedeiht in Praha 9 ebenso wie in Praha 1 kaum etwas so sehr wie der Handel mit Insignien des Profisports. Nur 50 Meter trennen das südliche Ende derKarlsbrücke vom „AC Sparta Praha Fotball Fun Shop“. Ein knappes Dutzend weiterer Geschäfte entlang der Souvenirmeile verdient mit dem Vertrieb von T-Shirts Kronen und Euro: Besonders gefragt, sagt ein Verkäufer, seien die Trikots des Liverpool-Stars Michael Owen, „die gefälschten für zehn Euro ebenso wie die Originale für 40“.

Die Legende von Prag

Fast groteske Züge trägt auch die Sportbegeisterung vieler britischer und deutscher Touristen. Am Tyn 1 etwa, wo die Galeria Ivanova Flolcova Schmuck verkauft und Gäste im Nobelhotel Metamorphosis dinieren, die Atmosphäre aber von ganz anderer Tonlage bestimmt wird: Bis in die Abendstunden schallt Fernsehlärm über den historischen Platz; er kommt aus dem Legends, in dem als Vorspeise „Kick-offs“ serviert werden und danach „Hall of Fame Burgers“.

Das Legends wirbt damit, „Prags größte Sportsbar“ zu sein, und 15 Bildschirme und eine Großbildleinwand sprechen eine deutliche Sprache: Englisch. Wer hier nach Anpfiff eintrifft, hat bestenfalls einen Stehplatz sicher, und zu trinken bekommt er eine Weile lang gar nichts, weil das Personal damit beschäftigt ist, den Sitzenden nachzureichen. Dafür gibt’s das Pils schon ab 28 Kronen, und selbst wenn Michael Owen – wie an diesem Nachmittag – einen Elfmeter verschießt und Liverpool gegen den Tabellenvorletzten Portsmouth verliert, ist der Tag noch lange nicht gelaufen: Denn am Abend wird Eishockey zu sehen sein, großes Eishockey, im Norden der Stadt.

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