Die estnische Hauptstadt Tallinn hat es endlich geschafft: Nach Jahrzehnten der Fremdherrschaft kann sie ihre Schönheit in Freiheit der Welt präsentieren.

Der Platz liegt wieder mitten in Europa. Auf halb zwei stehen die Zeiger der Uhr im gotischen Rathausgemäuer, unter dessen 600 Jahre alten Arkaden unentwegt Menschen durchströmen – Touristen, Geschäftsleute, Jugendliche.  Go west erschallt es aus deren Kassettenrecorder, geh nach Westen. Von der alten Ratsapotheke, Baujahr 1422, schlendert ein Polizist heran. Er stört sich nur an der Lautstärke. Der Inhalt dagegen ist inzwischen Staatsräson, jedenfalls im übertragenen Sinn: Das ganze Land, vor einem Jahr in der Europäischen Union angekommen, will Teil des Westens sein. Will kapitalistisch sein. Reich. Und ein bisschen extravagant.

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Das arabische Rätsel: Wo ist die Stadt zum Hafen?

Es ist ein sonniger, es ist ein kühler Frühlingsnachmittag in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Ruhig blickt der Alte Toomas über die Ziegeldächer der Altstadt aufs Meer hinaus. Die Wetterfahne auf dem Turm des Rathauses war schon Markenzeichen Tallinns, als hier noch Lübecker Recht galt und im Hafen die Fregatten aus anderen Hansestädten anlegten. Jahrhunderte lang fanden hier die Seeleute den Weg nach draußen, in den Norden, in den Westen, über die baltische See zu den Handelspartnern in Europa.

Am Anfang, so geht die Legende, sei der Hafen gewesen und dann erst die Stadt. Der arabische Entdecker und Kartograph al-Idrisi stützt das insofern, als er 1154 behauptete, einer nur zum Meer hin wehrhaften Feste begegnet zu sein. Der Däne Waldemar II. hatte da noch keinen Besitzanspruch angemeldet, und so erhielt Tallinn erst ein dreiviertel Jahrhundert später seinen heutigen Namen, der nichts anderes bedeutet als „Dänenburg“: Die Fahne des neuen Besatzers soll just in dem Moment vom Himmel gefallen sein, als der Eroberer hier angelegt und den Kampf um das Hafenareal entfacht hatte.

Türme gegen die Schlacht

Im Gegensatz zu manch anderen Ecken der Stadt hat die von den Dänen auf dem Toompea – Domberg – errichtete Festung den Wechselfällen der Geschichte überaus erfolgreich getrotzt. Mit ihren 28 Türmen ist sie eine der am besten erhaltenen in ganz Nordeuropa; die einst fast zwei Kilometer langen Mauern wirken noch immer schier unüberwindbar. Doch der Schein trügt: Verhindern konnten sie nicht, dass Schweden, Russen und Deutsche hier wiederholt einzogen, letztere erst als Vertreter des Deutschen Ordens, dann als Wehrmachtsoldaten.

Heute kommen die Nachbarn wieder nach Tallinn, als Freunde, als Touristen: Fast acht Millionen Passagiere fahren alljährlich, von Stockholm und dem nur 80 Kilometer entfernten Helsinki kommend, in Tallinns Hafen ein – zehnmal so viele, wie mit dem Flugzeug in die Stadt gelangen.

Schweinefleisch statt Ladenschluss

Empfangen werden sie von einem eindrucksvollen Panorama: Dem Augenschein nach direkt hinter den Hafenanlagen ragen die mächtigen Zwiebeltürme der orthodoxen Alexander-Newskij-Kathedrale in die Höhe. Die Domkirche scheint mit dem weltlichen Hermann um die Lufthoheit auf dem Berg zu konkurrieren, während die Sankt Olofs-Kirche und zwei Hoteltürme aus der Sowjetzeit alles andere überragen. Auch den Alten Toomas, die berühmteste Wetterfahne der Stadt. Aber lange nicht die einzige: Spätestens seit dem 17. Jahrhundert war es für einen erfolgreichen Handelsmann geboten, sich einen stattlichen Windmesser auf den Hausgiebel zu pflanzen.

Der Fußmarsch vom Hafen auf den Berg ist fast so kurz wie die Fahrt mit dem Auto und mindestens so bequem – tiefe Schlaglöcher pflastern noch immer die Hauptstraßen Tallinns. Ja, die Hauptstadt selbst ist es, die hinkt: Ein kurzes und ein langes Bein, so nennen sich die beiden Hauptstraßen, verbinden den Domberg mit dem Rathausplatz und mit der florierenden Innenstadt, die keinen Ladenschluss kennt.

Kanonenturm mit Küchenblick

Auch wenn der Geldbeutel nicht bei allen Einheimischen locker sitzt: Der Aufbruch derHauptstadt in eine neue Zeit ist nirgends so greifbar wie hier. Vorbei sind die Zeiten, als es tagelang kein Schweinefleisch gab und sowjetische Funktionäre das damit erklärten, dass Schweinefleisch eben nicht gut für die Gesundheit sei. Längst locken die Geschäfte mit allem, was es einst nur im Westen gab.

Zwanzig Lokale zählte das Baltic City Paper vor zehn Jahren in der Stadt, mehr als 100 gibt es heute – Mexikaner, Inder, Deutsche, Australier, nur kaum einheimische. Die Geschichte hat auch die Küche geprägt und in ihr ist vor allem der deutsche Einfluss hängen geblieben: Altdeutsch „Kiek in de Kök“ heißt ein mächtiger Kanonenturm, von dem aus man schon Anfang der Neuzeit in die Küchen der Altstadthäuser blicken konnte, und bereits damals wohl erblickte man dort des Öfteren Blutwurst mit Sauerkraut, das deutsch-estnische Nationalgericht.

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